Über die blinden Flecken in der Paartherapie: Warum Kommunikation allein nicht reicht.
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Aktualisiert: vor 1 Stunde

Der Mann leidet bei Sexentzug - und Kommunikation ist nicht alles:
Kommunikation soll der Schlüssel sein. Das verkauft die Coaching- und Therapieindustrie gerne. Dann löse sich die Urwunde auf – und Sex sei wieder möglich.
Kommunikation is king. Ja. Aber…
⚠️ Achtung, Triggerwarnung: Thematik von Sexualität und Kindesentwicklung. Die Unversehrtheit eines Kindes hat oberste Priorität.
Ich habe hierzu eine etwas unkonventionellere Meinung und gebe hier wieder, was ich aus tausenden Stunden Gesprächen und sexologischer Facharbeit als sexologisch bildende Trainerin beobachte:
Wenn Berührung und Sex verweigert werden, hat das nicht nur mit Kommunikation und Urwunden zu tun. Sondern schlicht auch mit einem blinden Fleck:
Menschen sind von Geburt an sinnliche Wesen. Auch im sexologischen Kontext: Babys ohne Berührung sterben oder verkümmern emotional.
Leider gibt es Studien dazu (Quellen unten).
Und mehrfach wurde von Gynäkologen, Eltern sowie weiteren Fachpersonen mehrfach beobachtet, dass bereits Babys vor und nach der Geburt Orgasmen erleben können und diese sich selbst (und nie von einer anderen Person) herbeiführen können. Dies wurde bei denselben Kindern wiederholt gesichtet, sodass von einer bewussten Entscheidung dafür auszugehen ist.
Dabei bleibt unverhandelbar und unmissverständlich, dass keine (!) andere Person - egal ob erwachsen, heranwachsend oder Kind - sexuelle Interaktion mit einem Kind treten oder proaktiv-passiv fördern darf. Der Schutz des Kindes hat oberste Priorität hat.
Diese Beobachtungen zeigen insofern, dass dieses Bedürfnis in uns angelegt ist. Es jedoch während des Heranwachsens wieder vergessen wird. Wie das Schwimmen. Und später wiederentdeckt.
Alleine küssen kan man nicht.
Einen Teil davon kann der Mensch bis zu einem gewissen Grad selbst erfüllen. Jedoch haben wir durch unsere Erziehung nie gelernt, wie wir uns selbst nährend berühren können, und sind deshalb geneigt, in manchmal toxischen Beziehungsdynamiken auszuharren – immer in der Hoffnung, dass unser Gegenüber dieses Grundbedürfnis wieder erfüllt.
Vielleicht wirken daher erwachsene, erfolgreiche Menschen durch ihre Bedürftigkeit oftmals jämmerlich, wenn sie um Sex bitten.
Vom Gegenüber erfährt man in geschützten Räumen öfter, dass dieses kindliche Verhalten auf es abstoßend wirkt. Was wiederum die sexuelle Anziehung weiter verunmöglicht.
Der alte Vertrag
Werte sowie Moralvorstellungen, die einmal während der guten Tage einer Partnerschaft geschlossen wurden, werden nie neu verhandelt, obwohl sich die Rahmenbedingungen im Laufe der Beziehung verändern.
Körperkontakt ist auch eine Form der Kommunikation. Doch wird diese leider in Paarberatungen zu selten mit somatischen Praktiken mitgegeben. Und wenn doch, dann fehlt eine gewisse Natürlichkeit.
Berater und Trainer müssen einen Weg finden, Praktiken mitzugeben, damit Paare dies in ihren Alltag ohne grossen Mehraufwand ermöglichen können. Ohne «wir müssten mal wieder», ohne den Beigeschmack von «machen» statt fühlen.
Kommunikation ist die Brücke, aber die Biologie ist das Fundament.
Ist Sexentzug mehr als nur ein Symptom?
Möglicherweise. Vielleicht ist es wie bei anderen Urbedürfnissen wie Liebe oder "gesehen werden": Technisch gesehen kann der Mensch ohne diese überleben. Jedoch stumpft er emotional und teils körperlich ab. Glücklich ist er nicht.
Vielleicht verlernen Menschen die Sexualität zwischenzeitlich wie das Schwimmen, um Hirnkapazität oder andere elementare Prozesse nicht zu stören.
Jedoch schimmern diese teils während oder vor der Prä-Pubertät wieder durch: wenn sich Kinder an Möbeln, Wippen oder den Beinen eines Erwachsenen reiben, unzählige Male rutschen und dabei Körperreaktionen zeigen, die einem Orgasmus ähneln.
Ebenso, wenn sie entdecken, dass Selbstberührung „kribbelig“ oder „angenehm“ ist. Wer etwas tiefer gräbt, beispielsweise in Begleitung von Fachpersonen, bei dem kommen Erinnerungen hoch: an Momente, in denen man im Kindesalter „da unten ein schönes Gefühl hatte“. Manchmal in Kombination mit einem heldenhaften Gefühl – das später bei emotionaler, energetischer und spiritueller Entwicklung gar in eine göttlichkeitsähnliche Erfahrung münden kann.
Was uns früher ein undefinierbares Erleben im unteren Bauchraum oder in den Genitalien erfahren ließ, für das wir noch keinen Wortschatz hatten, können erste bewusst erlebte Erregungen oder gar Orgasmen sein.
So hatte ich es auch selbst erlebt:
Ich spielte „nur Arme benutzen“ und versuchte, mich ohne Zuhilfenahme der Beine oder Füße an einer vertikalen Stange hochzuziehen. Als mich die Kraft verließ, presste ich mein Becken gegen die Stange. Nach mehreren Sekunden erlebte ich ein sehr intensives Kribbeln, das, als es das Maximum erreichte, meine Hände schier loslassen ließ. Danach sackte mein Körper schlaff in sich zusammen. Glücklicherweise umklammerten meine Hände die Stange weiterhin, sodass ich nicht herunterfiel.
Ich war verwirrt, doch zeitgleich sehr beglückt; ich spürte meinen Puls, den tieferen Atem und meine Wangenröte. Die nächsten Monate wiederholte ich dieses Prozedere. Manchmal fuhr ich sogar extra mit dem Fahrrad von zu Hause zum Pausenhof, um dies zu erleben. Doch mit der beginnenden Pubertät vergaß ich dies, fand aber später durch die Bravo und Alltagsgegenstände andere Wege zu solchen Erfahrungen.
Spannenderweise hatte ich dieses spielerische Herbeiführen des Kribbelns ganz vergessen, da Liebeskummer und weitere Lebensbereiche durch den Alltag und die Hormone mehr Platz einnahmen. Erst als ich in Fachbüchern dazu las, erinnerte ich mich wieder an diese Momente auf dem Pausenhof.
Von der Wiege bis zur Bahre
Der Körper hat also bereits im Mutterleib die Veranlagung dazu. Entdeckt wurde dies bei Ultraschalluntersuchungen und bei Babys. Später lassen wir von der Selbstberührung mit Höhepunkten unbewusst ab und entdecken einen Teil davon bei Doktorspielen wieder (meist ohne Höhepunkte).
So stellt sich die Frage:
👉🏼 Könnte es also sein, dass Sexentzug nicht nur ein Grundbedürfnis und (gesetzlich nicht einforderbares) Grundrecht des Erwachsenen verletzt? Wir haben die überlebenswichtige Berührung durch andere sowie ein gewisses Mass und eine Form an sexueller Stimulation bereits vor der Geburt. Ob uns dies bewusst ist oder nicht. Doch durch unterschiedliche Einflüsse, wie Erziehung, Weltbild und geopolitische Moral, halten wir dies vom natürlichen Werdegang des Menschen fern.
Somit wäre klar, warum Sexentzug weitaus mehr als nur verletztes Ego und Trieb ist – sondern vielmehr eine schmerzhafte Abstinenz darstellt. Ob diese rein durch eine verbesserte Kommunikation zwischen den Paaren wiederbelebt werden kann, stelle ich als sexologisch-somatisch bildende Trainerin klar infrage.
Ja, Kommunikation ist ein Schlüssel dazu. Doch ist ein weiterer Aspekt zu verstehen, dass wir uns ein gewisses Mass an nährender Sexualität selbst bieten können. Durch das Erwachsenwerden projizieren wir sie jedoch einzig auf eine externe Person. Wir machen uns abhängig.
Ist diese Abhängigkeit von Berührung und sexueller Stimulation nun eine, die von der Natur so gewollt war, damit wir uns paaren, oder ist es gar weit mehr?
Warum verlieren gerade in der heutigen Zeit dennoch so viele Menschen ihre Libido?
Ist es eine natürliche Reduktion der Population, wie sie auch in der Natur zu beobachten ist?
Und dennoch: Was mir Palliativpfleger bestätigten und in Studien immer wieder belegt wird, ist, dass der Wunsch nach körperlicher Vereinigung nicht automatisch stirbt. Auch nicht, wenn man diesen nicht erleben konnte oder wollte. Nicht einmal dann, wenn man ihn dem Gegenüber selbst verweigert hat. Selbst betagte Menschen können beim Frischverliebtsein den aufflammenden Wunsch nach Sex haben, selbst wenn sie zuvor frigide waren.
Der leise Wunsch
Wenn wir mit älteren Menschen sprechen, teilen sie in sicheren Räumen offen mit, dass ihnen sinnliche sowie sexuelle Berührungen enorm fehlen und dass das Nicht-Erleben sie in gewisser Hinsicht verletzlich macht.
Das Berühren des Armes, eine herzliche Umarmung – und ja, auch ein Wieder-wach-Küssen durch sinnliches Streicheln ist es, was so sehr vermisst und dennoch kaum laut ausgesprchen wird: Der nährende Körperkontakt und das Befriedigen des Urbedürfnisses, berührt zu werden.
Vielleicht ist eine ehrenvolle Sinnlichkeit ein Akt des Auffüllens des Seelenkelchs und der menschlichen Würde.
Wer nährend berührt wird, beginnt keine Kriege.
[Auszug aus meinem Buch zum Thema «Raus aus dem Sexentzug» erscheint demnächst. Lass dich auf die Updateliste und in den Testleserpool setzen:
Hinweise:
Ich wiederhole: Die Unversehrtheit des Kindes hat oberste Priorität. Dieser Text ist eine hypothetische Annahme, die keinesfalls zu Nachahmung oder Tests an Kindern, Babys oder Föten animieren soll.
Texte mit Menschenliebe verfasst.
Quellenverweise:
Warum Berührung kein reiner Luxus ist, sondern eine biologische Notwendigkeit für das Überleben und die emotionale Entwicklung ist:
René Spitz (Die "Hospitalismus"-Studien): Seine Beobachtungen in Waisenhäusern der 1940er Jahre sind der Grundstein für das Verständnis, dass emotionale Deprivation (Mangel an Berührung/Interaktion) bei Kindern zu schweren Entwicklungsstörungen und zum Tod führen kann.
Studien zur "Känguru-Pflege" (Skin-to-Skin Contact): Die Forschung zeigt, wie Hautkontakt die neuronale Entwicklung und Hormonregulation (Oxytocin) stabilisiert.
Neurobiologische Forschung (Nationwide Children’s Hospital): Eine der bekanntesten neueren Studien, die belegt, dass die Gehirnaktivität von Babys, die häufiger berührt werden, messbar stärker auf Reize reagiert.
Zur pränatalen Sinnlichkeit und dem "Orgasmic Birth" (Phänomenologische Perspektive):
Michel Odent (Der Pionier der modernen Geburtsmedizin): Er ist die weltweit führende Kapazität in Bezug auf die hormonellen Prozesse der Geburt und die Verbindung zur orgastischen Erfahrung. Sein Buch "The Functions of the Orgasm" (Die Funktionen des Orgasmus) ist hier das Standardwerk.
Debra Pascali-Bonaro (Regisseurin & Fachautorin): Ihr Werk "Orgasmic Birth" dokumentiert die phänomenologischen Berichte von Frauen, die Geburten als ekstatische/orgastische Erfahrungen beschreiben.
Entwicklungspsychologie (Normalität der frühen Sexualität): Die medizinische und psychologische Einordnung, dass frühkindliche Selbststimulation ein normaler, gesunder Prozess ist, wird von Institutionen wie dem Raising Children Network bestätigt.
Alessandra Piontelli (Die Pionierin der pränatalen Verhaltensbeobachtung): Ihre Arbeit ist das Standardwerk für die direkte Beobachtung fötaler Verhaltensmuster, die nach der Geburt in ähnlicher Form fortgesetzt werden. Sie hat die gezielten Hand-Genital-Berührungen bei Föten per Ultraschall dokumentiert.
Buch-Referenz: Piontelli, A. (1992). From Fetus to Child: An Observational and Psychoanalytic Study. Routledge.
Link zum Werk (via Google Books/Bibliothekssuche): From Fetus to Child auf Google Books
Thomas Verny (Pränatale Psychologie): Verny ist die Referenz, wenn es darum geht, den Fötus als bewusstes, empfindsames Wesen zu betrachten. Er ordnet taktile Stimulation (inklusive Genitalberührungen) als Teil der frühen Körpererkundung ein.
Buch-Referenz: Verny, T. R., & Kelly, J. (1981). The Secret Life of the Unborn Child.
Link zur Übersicht: The Secret Life of the Unborn Child (Goodreads/Bibliografische Information)
Peter Hepper (Fötale Wahrnehmung und Motorik): Seine Studien sind die Basis für das Verständnis, dass fötale Bewegungen keine bloßen Reflexe, sondern zum Teil „geplant“ (intentional) sind.
Fachartikel: Hepper, P. G. (1996). Fetal memory: does it exist and what does it do? Acta Paediatrica.
Link zum Abstract: Fetal memory (Hepper 1996) auf Wiley Online Library
Hinweis: In diesem Kontext ist auch seine umfassende Übersichtsarbeit zur fötalen Motorik relevant: Human fetal behaviour: the first step in the development of human behaviour

















