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Manche Tage sind hart. So einer war mal wieder.

12. Okt.
6 Min. Lesezeit

 


Info: Dies ist ein sehr persönlicher Beitrag. Er enthält Inhalte die nicht für alle Nerven gut verdaulich sind.

Die Geschichten sind anonymisiert.


Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, antworte ich oft: «Bunt».

Viele sind erheitertund finden es «toll!».

Doch dass Buntes auch Schattenseiten haben kann oder Farbmischungen, die sich arg «beissen», ist ihnen nicht klar.


Bei mir sind manche Tage irgendwie «bunteres Schwarz-Weiss».

Das ist okay. Nur wären «gut» oder «schlecht» die falschen Antworten. Manche Tage sind einfach zu hart.

So einer war eben wieder mal.


Ich stand selbst privat grad vor immensen Herausforderungen, die mir an die Substanz gingen. Auch beruflich war vieles viel zu bunt:

Ein ehemaliger Klient meldete, dass er ernsthaft krank sei, ein anderer, dass er sich trennte, aber diesmal unschön. Was wir vor zwei Jahren gut über die Bühne gebracht hatten, schmiss er wegen eines einzigen netten Gesprächs mit der Ex hin und blieb doch. Nur, damit jetzt alles in einem hässlichen Scherbenhaufen dalag. Doch diesmal machte er es eben ohne Begleitung. Mit entsprechenden Hasstiraden der Frau...


Ein anderer ehemaliger Kunde meldete sich, dass er nicht operieren werde würden, und ein Klient ist abgetaucht. Kein Lebenszeichen, keine Zahlung. Das, nachdem er die Ziele, die wir gesteckt hatten, in Rekordzeit erreicht hatte.

Die Technik spielte an diesem Tag auch verrückt: Mailserver, die nicht funktionierten und Internet, das dauernd unterbrochen war. Irgendwie was alles ...schwierig.


Man gbt dennochs ein Bestes. Das Telefon klingelte. Anruf eines Bekannten, den ich schon viele Jahre flüchtig kenne.


«Marina, ich brauch Hilfe.»


«Klar, was ist los?», sprach ich aufmunternd ins Telefon.


«Ich habe eine Anzeige erhalten. Wegen Vergewaltigung.»


Bumm. An meinem Buch würde ich heute nicht mehr arbeiten können.

Und meine Probleme wurden mit diesem Satz relativiert, aber dennoch nciht gelöst.


Er schilderte mir seine Sicht der Ereignisse. Dank der fachlichen Dokumente eines mir bekannten Professors für Sexualstrafrecht, wusste ich, dass die Lage nicht direkt Knast bedeuten sollte.


«Ich hätte doch niemals der Frau etwas Unrechtes tun wollen.»


Nun, das glaube ich ihm.

Aber ebenso glaube ich, dass die Anklägerin und der Angeklagte zeitgleich die Wahrheit sagen können.

Recht und Gerechtigkeit sind nicht immer dasselbe.


Da ich selbst Vergewaltigungen erlebt hatte, wusste wie diffizil diese Angelegenheit war. Angezeigt hatte ich nie. Einmal, weil ich aus Schockstarre den Fehler bei mir suchte. Beim anderen Mal, als ich noch recht jung war, weil ich wusste, dass der Mann sein ganzes Leben zerstören würde, wenn ich ihn anzeigen würde. Wir waren beide sturzbetrunken, und bis heute bin ich überzeugt, dass kein böser Gedanke dahintersteckte. Was die Situation nicht erträglicher machte.

Zwanzig Jahre danach redete ich mit ihm darüber. Er war geschockt von seiner Tat und meienr Sicht der Dinge. Aber dankbar, dass ich ihn damals nicht anzeigte.



Nicht alle Männer kamen so glimpflich davon wie sich eben zeigte. Und dennoch musste mein Tag weitergehen: Einkaufen, Mails, Pendenzen.

Doch ich konnte nicht gleich in die Menschenmenge eines Einkafszentrums. Also setzte ich mich ausnahmsweise in ein Café.


Mir wurde klar, dass ich das Problem des Mannes nicht auf mich aufladen wollte. Und dennoch hatte ich es wie eine heisse Kartoffel in die Hände gestreckt bekommen.

Genau darum rede ich nur ganz selten mit Menschen über meine privaten Herausforderungen. Diese sind mitunter so komplex und unwirklich, dass mein Umfeld es kaum greifen kann. Nur ganz wenige die es einiegrmassen abbilden können. Und wenn, dann "verteile" ich es manchmal. Denn eine Person kann nicht alles tragen was ich erlebe. Manche heisse Kartoffeln habe ich nicht mal selbst gekocht...


Zwar konnte ich ihm emotionalen und fachlichen Beistand leisten,

doch niemand hatte gefragt, ob ich das wollte und die Ressourcen dafür gerade zur Verfügung hatte.

Und das ist manchmal das Unberechenbare an meienm Job. Ih liebe und verfluche ih manchmal dafür.

Weil heftigen Trennungsstreits, lebensbedrohlichen Krankheitsdiagnosen, Morden im erweiterten Kreis oder Suizidgedanken selten Anklopfen und frage ob man grad die Musse hat um sich umd as Leben seienr Klienten zu kümmern.

Klar, das sind Extremfälle. Mein Kernthema ist eigentlich was ganz anderes: Damit MAnn und Frau wieder eine erfpllende Paarintimität leben können.

Doch manchmal hat das Leben andere Pläne.

Aber auch eine Marina Deluca die gefühlt eine Lebenserfahrung einer 122-jährigen hat.


Psychologin bin ich nicht. Aber die haben das Talent immer dann nicht erreichbar zu sein, wenn ihre Klienten sie bräuchten. Also werden sie zu meinen Klienten.

Ich kann Psychologen durchaus verstehen, warum sie nicht immer erreichbar sind. Ich bin es auch nicht. Aber irgendwie haben meine Kontakte und ich das Talent, dass ich genau dann erreichbar bin, wenn sie einen Notfall haben. Oder umgekehrt.


Auch dieser Mensch wollte nur ein offenes Ohr - und ich eigentlich anderes zu tun,.

Ich fragte ihn:


«Kannst du es jemandem anvertrauen? Deinem besten Freund?»
«Nein. Du bist die Einzige.»

Das höre ich öfters.


Ich atme innerlich einmal tief durch und denke: na ja, das Kind ist schon in den Brunnen gefallen, Ich hab die Kartoffel bereits in den Händen. Also lösen wir das was ich lösen kann, damit er sich nicht verbrennt und ich meine Hände selbst abkühlen kann, indem ich Kurzinterventionen mache.



Immerhin ist normalerweise ist mein Gegenüber einige Tage oder Wochen später dann oft so weit, dass sein Thema er es auch andere Personenanvertrauen kann.

Aber Textnachrichten mit realen Dramen und Ängsten bin ich dennoch oft.


Das auditive Tagebuch für den Notfall doer so. Aber sie wissen genauso, dass ich ich weder Müllhalde noch Sorgentelefon bin. Ich suche Lösungen, spiegle und gebe auf Wunsch Rat. Und ganz oft beruhigt sie das. So wie ihn:

Er war in Panik. «Mit diesem Anruf von der Polizei kann ich alles verlieren!

Ich will nicht in den Knast. Schon gar nicht für etwas, das ich nicht getan habe!»


Diese Worte hallten in meinen Gedanken nach, als ich im Café sass. Und er tat mir ehrlich leid.


Aus seiner Sicht war es ein einmaliges Erlebnis, das sie sogar mitinitiiert hatte. Aber ihr schlechtes Gewissen wegen der Rahmenbedingungen nagte an ihr. So zumindest lässt es sich von aussen vermuten, wenn man die Sichtweise des Mannes kennt.


Viele Monate später führt ihre Sichtweise zu einem Zusammenbruch seines Lebens. Er suchte Nähe und fand eine Kettenreaktion ungeahnten Ausmasses vor.


Ich weiss nicht, wer die Frau ist. Aber als ich so durch den Supermarkt ging, dachte ich mir: «Vielleicht ist diese Frau eine betrogene Ehefrau.»

«Oder diese Frau ist ein ehemaliges Opfer.»

«Vielleicht wurde der Kassierer mal von seinem Vater vergewaltigt.»

«Oder der Mann hinter mir in der Schlange ist Strafverteidiger und musste für Menschen einstehen, die vielleicht schreckliche Dinge getan haben.»


Ich selbst hatte mehrere sexuelle Übergriffe erlebt. Und ja, auch ich habe Übergriffe an Männern getätigt. Nur hatte ich das Glück, eine Frau zu sein.

Den Männern war gar nicht klar, was ich machte. Als ich mich später bei ihnen entschuldigte und sagte, dass das Ignorieren ihres Neins ein klarer Übergriff meinerseits war, bagatellisierten sie es.


Doch nicht immer ist das eine Bagatelle. Ein Nein muss akzeptiert werden.


Damals, als ich vergewaltigt wurde, war ich wie paralysiert. Ich war unfähig, mich vom Tatort wegzubewegen. Zu aufgewühlt. Zu erstarrt.


Ich lag die ganze Nacht neben meinem Peiniger, der mir körperliche und emotionale Schmerzen zufügte. Keinen Moment schlief ich. Ich wartete nur, bis der Wecker klingelte und ich in den Businessclub konnte, einen Raum voller Männer, die Geschäfte machen wollten.

Nach dem Meeting fuhr ich wie im Nebel nach Hause. Duschte erneut und legte mich mit Schüttelfrost schlafen.

Erst viele Wochen später, als ich es einer befreundeten Polizistin privat erzählte, wurde mir klar, was der Mann mir angetan hatte.


Er würde es wohl dementieren.



Ich weiss nicht: Vielleicht ging es der Frau, die den Mann angezeigt hatte, ähnlich. Vielleicht auch nicht.



Diesmal war ich in der dritten Rolle:

der der Vertrauensperson. Ohne offiziellen Auftrag, aber mit vielen Emotionen. Anruf eines Bekannten eben. Mann kennts.


Manche würden sagen: «Lass es nicht an dich heran.»


Doch meine Erfahrung ist, dass Gefühle wegzudrücken oder zu unterdrücken ein Bumerang ist. Vielleicht genau der Bumerang, den die Frau erlebte, welche die Anzeige erstattete.


Also durchfühlte ich die Last als Mitwissende. Weinte, war ratlos, hatte Kummer. Hatte Sorge um beide Menschen, die in dieser fraglichen Nacht Sex hatten. Und Sorgen um die Angehörigen des Mannes.


Alles Fremde für mich, ausser er.


Es war nicht meine gewählte Aufgabe. Aber ich wählte den Weg, wie ich das emotional verarbeiten wollte.


Obwohl ich selbst so Dringendes zu tun gehabt hätte, um die Attacken in meinem eigenen Leben zu überstehen, durchfühlte ich den Nachmittag und Abend lang diese Emotionen der Ohnmacht angesichts des aktuellen Falls.


Am anderen Tag stand ich auf und konnte mich wieder besser auf meine eigenen Aufgaben fokussieren.



Manche fragen sich, warum mein Honorar höher ist als das eines Lifecoaches.


Genau darum.


Weil mein Leben neben den emotional aufwühlenden Fällen weitergehen muss. Weil ich selbst meine eigenen und die Dinge anderer trage und ganz nebenbei selbstständig und Mama bin. Der Alltag muss funktionieren.


Klar, das, was mein Kontakt erlebt hat, war nicht meine Bürde. Aber es rüttelte an und in mir.Und es rüttelte mich wach. Und dafür war ich dankbar:


Wie oft hatte ich Sex und danach ein schlechtes Gewissen?

Wann und wie lange gilt ein Ja? Wann ein Nein?


Und was ist gerechte Strafe?


Mit einer einzigen Meldung bei der Polizei zerstörst du mehrere Leben: Das des «Täters» sowie das seiner Frau und Kinder. Das seiner Eltern und Geschwister. Und er verlierst Vertrauen von Freunden, Netzwerken und des Arbeitgebers.


Wegen einer einzigen Nacht, in der sie Ja sagte, Ja machte, aber Nein meinte.








 
 
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