Die Insel der Glückseligen: Der Seestern in der Oase.
- 18. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Juli

Der Seestern in der Oase
Früher, wenn ein Mann im Bett Beine und Arme von sich streckte, dachte ich: „Ja ja, bedient werden will er.“ Doch an einem heissen Sommertag änderte sich dies grundlegend:
Ein Junge rannte vergnügt zum grossen Familienstrandtuch. Niemand ausser mir als Begleitperson war gerade da. Er legte sich auf den Rücken und streckte alle Viere weit von sich.
Dabei dachte ich mir: „Wie schön, er spürt keine Gefahr. Sein Nervensystem ist entspannt.“
Ich selbst wiederum war, wie viele Frauen, wenn ich mich zum Dösen oder Schlafen hinlegte, eher in der seitlichen Liegeposition. Oftmals sogar die Handgelenke eingeknickt Richtung Körper. Beine angezogen, Kopf leicht gegen den Bauch hin abgewinkelt, Richtung Embryostellung.
Ich war oft im mentalen Stress. Mal bewusster, mal unbewusst.
Das Nervensystem einem Dauerrauschen ausgesetzt. Ich suchte Entspannung in Form von Schutzhaltung.
Insbesondere in der Öffentlichkeit, wenn man sich müde hingelegt hatte und gar noch im Bikini zusätzlich „verletzlich“ war.
Jedoch wenn ich jeweils alleine an Workshops in einem Hotel war, liess ich mich rücklings aufs Doppelbett fallen und streckte alle Viere von mir, so wie es der Junge eben tat.
Ich war in einer Oase. Einem Zwischenraum, wo niemand etwas von mir wollte und ich selbst keine Erwartungen hatte. Den Wecker auf Essenszeit gestellt und das geöffnete Fenster für frische Luft.
Und genau da machte es bei mir „Klick“.
Ich erinnerte mich an die Abende, wo ein Mann zu mir nach Hause kam. Er zog sich binnen zwei Sekunden aus und legte sich splitternackt auf mein Bett, alle viere von sich gestreckt. Genau in die Mitte. So, als ob das Bett ihm gehören würde. Ich durfte indessen mir einen Platz in der Kuschelecke unter seinem Arm zurechtlegen.
„Das ist meine Oase“, seufzte er jeweils zufrieden, wenn er einen Arm um mich legte.
Ich tat unsere Treffen als eine kurze Verschnaufpause des Alltags ab. Als Bestätigung des männlichen Egos. Er durfte seiner Lust frönen, während ich danach die Bettwäsche zurechtmachen musste.
Er sah weder den Schmutz an den Fenstern, wenn die frühe Abendsonne hineinschien, noch interessierte es ihn, ob ich anschliessend noch Kundentermine hatte.
Er wusste nur eins: Er holte hier Luft. Luft von seiner Frau, die nie wollte, Luft vom Business, das in Umstrukturierung war, Luft von den Kindern, die sich wegen Schulaufgaben Hausarrest hatten.
Für ihn war es mehr als eine Pause. Dies hier war die Vitaminstation für ihn als geläuterten Mann. Die Kraftquelle für den, der alles für seine Familie gab. Eine Bühne für seine männlichen Bedürfnisse, die bei mir willkommen geheissen wurden. Wohingegen seine Lust zuhause als störend empfunden und zur Seite geschoben wurde.
Doch als ich diesen kleinen Jungen da im Freibad liegen sah, seinem Brustkorb zuschaute, wie er sich ruhig hob und senkte, mit dem zufriedenen Gesichtsausdruck, der einen ewigen Moment der inneren Einkehr vermuten liess,
da wurde mir klar, warum der Mann damals monatelang um mich kämpfte, als ich die Affäre beendete: Es war der Verlust seiner Oase. Ich war seine Insel der Glückseligen.
Bei mir zuhause konnte der Mann endlich sein Nervensystem entspannen und bei sich selbst ankommen. Eine Art Meditation, ohne zu meditieren.
Er hatte eine Zeitlücke, die es nicht gab, an einem Ort, der offiziell nicht existierte, mit einer Frau, von der niemand wusste.
Nach einiger Zeit machte er sich wieder auf und tauchte gestärkt in den Alltag hinein, während der Geruch seiner Haut in meinem Kissen zurückblieb.
Und so blieb für mich immer der fahle Beigeschmack, als ich seine Tankstelle auf Terminbasis bleiben würde. Da ich weder ihn anrufen konnte, wenn ich sein Gehör gebraucht hätte, noch dass ich mich an schwierigen Tagen in seiner Kuschelecke hätte vergraben können.
Die zwei, drei Stunden waren schön. Durchaus. Doch das Nervensystem der Frau tickt oft anders:
Es braucht eine Zeit, bis ich die Schutzpanzerung herunterlassen konnte. Immer darauf bedacht, dass ich mich nicht in diesen Moment mit diesem Mann mit Ehering verliebte. Und dies war eine doppelte Last: Offen sein, Hingabe leben aber immer mit der gläsernen Wand.
Die Schwehlen meiner Rüstung schmerzten immer dann, wenn ich die Last der Panzerung runterliess. Das Pochen der Schultern, die Schutzlosigkeit des Nacktseins.
Er machte oft Witze darüber, dass ich mich immer stark geben wollte. Dabei war ich gerade bei ihm so verletzlich wie sonst kaum.
Irgendwo zwischen Lust, Schutzbedürfnis, wilder Weiblichkeit versuchte ich mich zurechtzufinden. Aber immer mit dem Wissen, dass er bald, nachdem er wieder aufgetankt war, wieder in seine eigenen Schlachten ziehen würde.
Ich würde zurückgelassen, als geheimer Ort, von dem niemand wissen durfte. Als Frau, die auf ewig verschwiegen und versteckt wurde.
Was für ihn als Kompliment an mich gerichtet war, weil ich die einzige Frau war, mit der er diese Oase erlebte, war für mich umgekehrt jedes Mal eine Ohrfeige, wenn die Haustür ins Schloss fiel.
„Du hast deine Freiheiten. Du hast deine Ruhe und ich begehre dich für deine Lust zutiefst“, versicherte er mir. Doch seine Oase hatte für mich den Preis, dass das Wiederanlegen meiner Alltagsrüstung mir nur schmerzlicher bewusst machte, dass diese so schwer wog. Dass ich selbst keine Oase hatte, in der ich mich schutzlos und zwischen Zeit und Raum bewegen konnte.
Es war mir egal, ob er eine andere Geliebte neben mir hatte. Und natürlich hätte ich mir einen Liebhaber oder gar einen Partner zulegen können. Doch wäre dies nur eine Zweckbeziehung gewesen, von der ich mich bewusst distanziert hatte. Ich sah es ja bei seiner Ehe: Die Liebe war noch da, aber die Verbindung im Schlafzimmer fehlte.
Aber genau hier war es das Gegenteil der Fall: Eine Verbindung im Bett, aber keine Chance für all die anderen Zimmer des Alltags. Diese würden nie existieren können.
Dies schmerzte mich. Denn emotional war ich ihm verbunden: Ich erlebte in meinem Nervensystem seinen Schmerz, wenn er davon erzählte, wie sehr es ihn emotional verletzte, wenn seine schöne Frau, die er jahrzehntelang liebte, ihn jedes Mal abwies. Ich sank in die Stille, wenn es nichts schönzureden gab. Und zeitgleich kannte ich diesen Überdruss von der Lust eines Partners und wusste, wie schwierig es war, wenn man als Frau von seiner Bedürftigkeit angewidert wurde. Daneben die Ohnmacht des eigenen Libidoverlusts, getränkt von der Angst, deswegen verlassen zu werden und immer zu wissen, dass da eine andere Frau sein könnte, die ihm eine Oase bietet.
Doch musste ich darauf achten, dass ich mich nicht in die kurze Zeit der Zweisamkeit mit ihm verliebte, die entstand, wenn wir im Zwischenraum der Welten waren.
Der Preis der Muse
Die Insel der Glückseligen Männer bedeutet für viele Frauen, dass sie nur aufgesucht werden, wenn er nach Sinnlichkeit dürstet und Nähe hungert. Doch auf keiner Schatzkarte durfte sie zu finden sein, da seine Familie,sein Image und seine Karriere dadurch auf dem Spiel stehen würden.
So entschied ich mich schweren Herzens, von der Oase zur Fata Morgana zu werden.
Irgendwo da draussen existiert das kleine Paradies noch. Da, wo ein Mann sein Nervensystem herunterfahren und aufatmen kann. Aber dann für denjenigen, der bereit ist, seine Zelte hier aufzuschlagen und er stolz die Insel der Glückseligen als sein Zuhause vor allen anderen laut benennen würde.
Steckst du in einder Dreiecksbeziehung?
Suchst du die Insel der Glückseligen in deienr Ehe? Melde dich, ich verurteile dich nicht. Weil ich weiss, warum Männer eine Oase aufsuchen.
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